April-Juni 2011
5. Juli 2011
Liebe Familie, Freunde und Sponsoren!
Ein weiteres Schuljahr ist vergangen, am 7. Juli werden die Zeugnisse ausgegeben und wir werden den Eltern erzählen, wie stolz wir auf die Leistungen ihrer Kleinen sind. Es gibt auch von wirklich tollen Fortschritten zu berichten, vor allem in den Schulklassen: Genet, die vor nur einem Jahr, als sie 6 Jahre alt war, nicht weiter als bis 3 zählen konnte und nicht mehr als eine Handvoll der amharischen Silben kannte, kann nun fließend bis 100 zählen, liest Geschichten und beantwortet Fragen zu selbigen schriftlich. Haileleul, der erst vor einem Jahr zu uns gekommen ist und am Beginn der 2. Klasse das amharische Alphabet überhaupt nicht konnte, liest und schreibt nun fließend. Und Mihiret, die erst vor einenthalb Jahren fast an einer stark infizierten Brandwunde am Rücken verstorben wäre, ist nun eine herausragende Schülerin der 1. Klasse.
Im Kindergarten freue ich mich besonders, über Jonys Fortschritt berichten zu können: obwohl er immer noch langsam und eher still ist, haben sich sein Vokabular und seine Fähigkeit zu sprechen dramatisch verbessert, er kann zumindest bis 3 zählen und hat gelernt, einige der amharischen Silben zu lesen und zu schreiben. Daher, und weil er dieses Monat 8 Jahre alt wird und unbedingt in die ‘richtige’ Schule gehen will, wird er nächstes Jahr die 1. Klasse besuchen. Er wird wohl dort einige Jahre verbringen müssen, bis er alles gemeistert hat, was er in der 1. Klasse lernen sollte, aber es sollte für ihn eine Herausforderung sein und ihn dazu ermutigen, ernsthafter und weniger Baby-haft zu werden. Denn obwohl er mit seinen großen Augen und dem Baby-Geplapper sehr süß ist, so wird er doch früher oder später unser Projekt verlassen und für sich selbst sorgen müssen, und das Ziel unseres Projekts ist es ja, alle unsere Kinder so unabhängig und selbständig wie möglich zu machen.
In den letzten drei Monaten hat Mr. Mangesha Miss Aynalem, die auf Mutterschutz ist, als Lehrer der 2. Klasse vertreten. Obwohl er noch dabei ist, sich an unsere Lehrmethoden zu gewöhnen, so bemüht er sich doch nach Kräften. Nächstes Schuljahr, im September, wird er die neue 1. Klasse übernehmen. In der letzten Stunde am Nachmittag, die kreativen Fächern gewidmet ist, unterrichtet er beide Schulklassen gleichzeitig; die Kinder sind im Moment ganz begeistert am Häkeln und manche haben ziemlich große und hübsche runde Häkeldeckchen produziert. Falls sie so weitermachen, werden sie sich bald selbst Pullover häkeln können!
Unsere größte Herausforderung in der letzten Zeit war die Tuberkulose. Drei unserer Kinder haben sich mit dieser schweren Krankheit angesteckt und müssen nun Medikamente nehmen. Um die Ansteckung weiterer Kinder zu verhindern, haben wir uns beim Spital dafür eingesetzt, daß zumindest einige unserer Kinder die TB Prophylaxe bekommen. Im Spital geben sie die Prophylaxe nur in Ausnahmefällen aus, denn sie muß 6 Monate lang, ohne auch nur eine tägliche Dosis zu verpassen, genommen werden, und ihre – wie auch unsere – Erfahrung zeigt, daß viele Patienten nicht verantwortungsvoll mit diesen Medikamenten umgehen. Insbesondere Kinder wie Sara, die noch nicht mit der Kombinationstherapie begonnen haben und deshalb sowohl nicht an langzeitige Medikamenteneinnahmen gewöhnt als auch besonders TB ansteckungsgefährdet sind, brauchen daher eine strikte Betreuung bei der Einnahme der Prophylaxe. Sara kommt am Wochenende sogar zum Haus unserer Sozialarbeiterin, um die Medikamente zu nehmen, sodaß sie sicher keine Dosis vergessen kann.
Bruk, dem es schon eine Weile lang nicht gut gegangen war, wurde im März mit TB diagnostiziert. Bevor er an ein Spital in Awassa, 25 km von Shashamane entfernt, überwiesen wurde, hatte er eine Menge Gewicht und seinen ohnehin nicht großartigen Appetit verloren, und der ansonsten sehr aktive und fröhliche Junge war ganz still und müde geworden. Nun nimmt er sowohl TB Medikamente als auch die Kombinationstherapie, und obwohl es ihm körperlich besser geht, sorgt er sich sehr um seine Gesundheit und den Hautausschlag, der mit Beginn der Kombinationstherapie nicht besser geworden ist. Als ich im Mai aus dem Ausland zurückkehrte, fand ich ihn mutlos und traurig in der Klasse sitzend, eingehüllt in Schichten über Schichten von Gewand, die den Ausschlag auf Gesicht und Händen verbergen sollten, und sehr depressiv. Ich verbrachte einen ganzen Tag mit ihm im Garten, und am nächsten und übernächsten Tag nochmals viel Zeit, und versuchte ihn zu ermutigen, sich wieder aus der verkrampften Haltung, in der ich ihn angetroffen hatte, zu lösen. Wir turnten gemeinsam, dann badete ich ihn, bestrich seine Haut mit Öl und ermunterte ihn, wieder Luft und Sonne daran zu lassen. Wir meditierten gemeinsam über die Engel der Luft, des Wassers, der Sonne und der Erde, die alle Gesundheit und Wohlbefinden bringen können. Schließlich nahm ich ihn mit in die Stadt, um ihm am Markt neue (second hand) Kleider zu kaufen und ihn auf einen Fruchtsaft einzuladen. Ich verstehe schon sein Problem: jeder Mensch, dem wir begegneten, fragte wegen seiner Haut: was ist das, geht das nicht weg, ist es ansteckend? Und das alles vor dem Buben, der sich sicher wieder in seinen Panzer zurückgezogen hätte, wenn ich nicht seine Hand gehalten und allen, die so gedankenlos daherredeten, gesagt hätte, sie sollen still sein und sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Als ich in Europa aufwuchs, wurde mir beigebracht, nicht auf Leute zu starren, die anders aussehen als andere; hier in Äthiopien scheinen Leute, bis man sie direkt darauf hinweist, nicht zu denken, daß sich ein 10Jähriger schlecht fühlt, wenn alle ständig auf seine ‘Gebrechen’ hinweisen. Obwohl hier noch viel zu tun bleibt, war ich doch sehr froh, als Bruk nach nur einem Tag intensiver Betreuung mit erhobenem Kopf, geraden Schultern und einem Lächeln im Gesicht die Schule verließ.
Aschalew, der Bub, der mit Hepatitis B infiziert ist, hat die letzten fünf Monate, von Februar bis Juni, bei mir gewohnt. Nachdem seine Leberfunktionswerte immer schlechter geworden waren, mußten wir ihn auf eine fettfreie Diät setzen, die seine Eltern zu Hause bestimmt nicht eingehalten hätten. Außerdem gaben wir ihm chinesische Naturmedizin, die ihn zwar nicht vom Hepatitis Virus geheilt hat, aber seine Leberwerte wieder in den Normalbereich gebracht hat. Als er nach Hause zurückkehrte, bat er mich um eine Zahnbürste und Zahnpasta, und in der letzten Woche zumindest hat er sich weiterhin brav jeden Abend gewaschen und in der Früh frische Kleider angezogen. Wir hatten ein ernsthaftes Gespräch mit seinem Vater, dem wir rieten, seinen väterlichen Pflichten ernsthafter nachzukommen, sodaß der Bub nicht wieder in seinen vorherigen verwahrlosten Zustand verfällt.
Nach 3 Monaten ohne eine Tropfen Wasser in der Leitung, während welcher Zeit wir täglich ein paar Kilometer weit in einen anderen Stadtteil fahren mußten, um von dort Wasser in Kanistern zu bringen, hat unsere Gegend jetzt endlich wieder Leitungswasser. Es ist zwar sehr stark chloriert und trotzdem nicht sehr tauglich als Trinkwasser, aber, wie ein englisches Sprichwort sagt, ‘Man vermißt das Wasser (auch verschmutztes und mit Chemikalien gesättigtes) erst, wenn der Brunnen trocken ist.’ Dieser bescheidene Segen ermöglichte es uns, unseren Garten wieder zu bebauen. Mit Unterstützung des ‘Urban Gardening’ Projekts, das von USAID finanziert wird, wurde bei uns ein Tröpfenbewässerungssystem installiert, und wir bekamen einen 5000 Liter Tank zur Aufbewahrung von Wasser. Das System muß zwar noch verbessert werden – zum Beispiel sind die Behälter, von denen aus das Wasser in die Bewässerunsschläuche eingeleitet wird, so weit vom Tank entfernt, daß wir eine Pumpe benötigen, falls wir nicht wieder mit Kübeln quer durch den Garten laufen wollen – doch schließlich, mit Hilfe der Regenzeit, die endlich Mitte März einsetzte, ist alles wieder grün geworden. Im Moment ernten wir nur Salat und Mangoldspinat, aber Zucchini, Fisolen und alle möglichen Kohlpflanzen wachsen schon brav. Wie schon letztes Jahr kämpfen wir wieder mit den Vögeln, die ungeschaut auch das letzte Blatt von den kleinen Pflänzchen abfressen würden, wenn wir sie nicht daran hindern. Jetzt bauen wir richtige Gerüste für die Netze, die die Gemüsebeete schützen. Ich habe viel Schweiß und Arbeit in den Garten investiert und bin glücklich, daß jetzt endlich wieder alles wächst.
In den letzten drei Monaten war ich eine zeitlang im Ausland. Ende März war die Belastung, die die Leitung dieses Projekts für mich bedeutet, endgültig zu viel für mich geworden, und ich mußte einmal weg, mich ausruhen und über die Zukunft nachdenken. Bei einer Versammlung des Vereinsvorstandes im Mai wurde beschlossen, daß ein Manager eingestellt werden muß, um meine Arbeitslast zu verringern; wir haben die Stellung Anfang Juni ausgeschrieben und werden in den nächsten Tagen die passendsten Kandidaten zum Vorstellungsgespräch bitten. Da die Position des Managers eine sehr wichtige ist und das Projekt leiden würde, falls die Person nicht sowohl engagiert als auch kompetent ist, werden wir uns Zeit lassen und in Ruhe die richtige Person auswählen. Ich selbst will in Zukunft meinen Posten als Schuldirektorin beibehalten, außerdem weiterhin Lehrmaterialien entwickeln und das Fundraising für das Projekt betreiben. Ich hoffe, auf diese Weise dem Projekt noch längere Zeit dienen zu können, ohne wieder auszubrennen.
Mit herzlichen Grüßen,
Isheba Tafari