Yawenta Children’s Center

Progress Report of the Yawenta Children’s Center

September-November 2009


10. Dezember 2009

Liebe Familie, Freunde und Sponsoren!

Wie Sie sicher bereits gemerkt haben, gibt es bei uns immer viel Neues zu berichten. Zunächst ist das Experiment mit der öffentlichen Schule gescheitert: nicht nur sind dort 80 Kinder in der 1. Klasse zusammengepfercht; nicht nur bestehen die Lehrmaterialien aus einer Tafel und je 4 Textbüchern; sondern Lehrer, Nachtwächter und der Direktor ‘disziplinieren’ die vielen Kinder mit Hilfe von Schlägen und mehr Schlägen. Die Kinder sind täglich mit neuen Beschwerden nach Hause gekommen, in der zweiten Woche versuchten sie sogar davonzulaufen! Daher beschlossen der Lehrer, Mr. Jemal, und ich, die Kinder ganztags hier zu unterrichten.

Das bedeutet natürlich wieder mehr Arbeit: ich habe um Lizenz (Öffentlichkeitsrecht) angesucht – der Prozess ist noch nicht beendet, die Inspektoren kamen zwar, erwarteten dann aber Bestechungsgeld, welches ich ihnen nicht zu geben bereit bin –, einen Jahresplan erstellt und mehr Lehrmaterialien besorgt; Schulbücher sind leider hier nicht einfach in der Buchhandlung zu erhalten, sondern müssen second hand gesucht und gekauft werden; und da der Lehrer jetzt den ganzen Tag, von 8 in der Früh bis 4 am Nachmittag, die Kinder unterrichtet oder beaufsichtigt, bleibt viel von der Vorbereitungsarbeit an mir hängen. Ich bin trotzdem froh, dass wir uns für diesen – zugegebenermaßen schwierigeren – Weg entschieden haben, denn die Kinder sind glücklich, haben eine Doppelstunde Montessori-Unterricht und drei Stunden Fachunterricht nach dem staatlichen Lehrplan (um die Behörden zu beschwichtigen, für die Montessori in der Volksschule ganz etwas Neues ist), und lernen in der extrem kleinen Gruppe (14 SchülerInnen in einer Klasse) schnell und viel.

Unser Projekt ist ja nicht nur eine Schule, sondern soll die Kinder in ihrer gesamten Entwicklung unterstützen. Einige Wochen nach Schulbeginn kam Sara weinend zu mir; Haymanot habe sie gehänselt, weil sie keinen Vater mehr hat. Dann hat sie um ihren Vater, den sie kaum kennt, geweint; ich habe sie getröstet, so gut ich konnte, doch die nächste Woche musste sie schon wieder weinen. Ich habe Haymanot dann zur Rede gestellt, die sagte, die anderen Kinder hänseln mich auch. Also habe ich alle 1. Klasse Kinder zu mir gerufen, wir haben uns im Garten in einen Kreis gesetzt und ich habe ihnen erklärt, dass manche Kinder ihre Mütter oder Väter verloren haben, was eine traurige Sache sei und nichts, weshalb man jemanden hänseln sollte; dass die Kinder, die noch beide Eltern hätten, froh und dankbar sein sollten; und dass wir alle für die verstorbenen Mütter und Väter und für Abdurahims Vater, der für 8 Monate wegen Tuberkulose in Quarantäne ist, beten sollten. Bevor ich noch fertig sprechen konnte, haben alle 14 Kinder zu weinen angefangen, besonders Bethlehem, deren Mutter vor nicht allzu langer Zeit an AIDS gestorben ist, und Ingocha, deren Mutter sich vom Vater getrennt hat und komplett verschwunden ist. Nachdem einmal die Tränen zu fließen begannen, waren sie kaum mehr einzudämmen, und die Kinder haben mir wirklich sehr leid getan. Sie haben in ihrem kurzen Leben schon viel mitmachen müssen. Die nächste Woche haben dann 5 Kinder einen Brief an ihre Eltern im Himmel geschrieben – die Idee kam von einer Geschichte in einem Kinderbuch – wobei Bethlehem die ganze Zeit durch geweint hat. Ich habe ihnen dann Briefumschläge gegeben und gesagt, die Briefe kämen auf dem Weg Gottes ganz sicher bei ihren Eltern an und wenn sie am Abend beten, würden sie eine Antwort erhalten. Ich bin froh, dass wir uns in unserer Schule Zeit für solche Dinge nehmen können.

In den letzten drei Monaten haben wir auch eine ganze Menge neue Kinder aufgenommen: im Kindergarten, in dem nach dem ‘Auszug’ der Großen Platz freigeworden ist, Dagm, Gizeworq, Fikr und Helen, in der 1. Klasse Bruk. Bruks Geschichte ist besonders traurig: seine Mutter hat nicht nur ihren Mann verloren und ist selbst gesundheitlich nicht gut beisammen, sie hat außerdem zwei HIV positive Kinder. Der kleine Dagm, 3 Jahre alt und auf anti-retroviraler Therapie, kam im September zu uns; er ist sehr süß, lächelt immer fröhlich und tut absolut nichts von dem, was ihm die Lehrerinnen anbieten. Bruk hatte das letzte Jahr in einer Privatschule verbracht, aber im Oktober wurde er plötzlich von der Schule verwiesen mit der fadenscheinigen Begründung, seine von allergischen Reaktionen und Krätze verunreinigte Haut sei ansteckend und gefährlich für die anderen Kinder. Der Bub ist 8 Jahre alt und versteht genau, dass er seines Aussehens und seiner HIV Infektion wegen aus der Schule entfernt wurde, und obwohl wir den Fall als klaren Diskriminierungsfall den Behörden gemeldet haben, ist schon aus psychologischen Gründen eine Rückkehr in die vorige Schule nicht möglich. Bei uns ist Bruk jetzt glücklich; er hätte zwar eigentlich in die 2. Klasse gehen sollen, die wir leider nicht anbieten können, aber in der Montessori-Stunde zumindest kann er seinem eigenen Können gemäß lernen.

Noch eine traurige Geschichte: unser hübsches Mädchen Helen war von ihrer Mutter in eine andere Schule geschickt worden; ich nehme an, dass sie glaubte, wenn sie Schulgeld zahlen müsse bekäme ihre Tochter eine bessere Erziehung. Doch kaum war ein Monat vergangen, rief sie mich an, Helen sei krank. Ich sagte ihr, sie habe das Kind ohne Absprache, ohne uns auch nur zu informieren aus eigenem Willen aus dem Projekt genommen, was solle ich jetzt tun? Doch die nächste Woche rief sie wieder an, weinte, Helen sei im Spital und sehr krank, bitte, bitte. Ich bin also hingefahren; das Mädchen war total abgemagert, hatte Lungenentzündung und eine so schwere Candida-Infektion im Mund, dass sie eine ganze Woche keinen Bissen essen konnte und intravenös ernährt werden musste. Sie hat auch die ganze Zeit gesagt, sie möchte in unsere Schule zurückkehren; also haben wir ihre Rechnungen bezahlt, und nachdem sie noch weitere zwei Wochen zu Hause im Bett geblieben war, ist sie wieder zu uns gekommen. Die 1. Klasse hat sie nach der langen Erkrankung zu anstrengend gefunden, also haben wir sie auf eigenen Wunsch wieder im Kindergarten untergebracht. Sie hat wieder zu essen angefangen und jetzt ist sie so hübsch und fröhlich wie zuvor.

Frau Kouassi, eine unserer Patinnen, hat uns mit einer großzügigen Spende ermöglicht, die Yawenta Kinder zu den heißen Quellen in Wondo Genet auszuführen. Die Kleinen waren zuerst im Schwimmbecken an der Reihe, und während sie geplanscht und gelacht haben, sind die Großen mit dem Lehrer ein Stück weit den Vulkan hinaufgeklettert, haben die Quellen komplett mit dampfendem Wasser und Schwefelgeruch gesehen und praktischen Unterricht in Geographie (Landformen: Berg, Tal, Quelle, Fluss – unsere Kinder sind Flachlandkinder, die sowas kaum kennen) erhalten. Dann Schichtwechsel im Pool, die Großen haben einen ziemlichen Lärm gemacht, aber das war ja nicht anders zu erwarten. Dann alle Kinder waschen, anziehen, wieder in den Bus verfrachten, der sie singend und (trotz Ermahnung) im Mittelgang tanzend zum Yawenta Children’s Center zurückgebracht hat. Den Photos können Sie sicher entnehmen, dass unsere Kinder begeistert waren.

Finanzbericht:

Wieder haben uns unsere treuen Unterstützer und Sponsoren ermöglicht, unsere Kinder bestmöglichst zu betreuen. Wir erhielten in den Monaten Juli bis Oktober  insgesamt 44.477,21 Birr (etwa 2.616 €) von:

Fr. Kra Kouassi, einer Reisegruppe aus Belgien, Ras Hapte Wold, Fr. Louisa Heckett und anonymen Spendern aus den U.S.A. Wir bedanken uns ganz herzlich für diese Spenden, die vielen Mails, die mich aufmuntern, wenn ich müde und frustriert bin, und bei Frau Kouassi und Frau Schwebler für die persönlichen Briefe und Geschenke, die ihren Patenkindern so viel Freude bereiten.

Wir haben in den selben vier Monaten, in denen unser Projekt ja gewaltig gewachsen ist, insgesamt 119.355,41 birr (etwa 7.020 €) für die folgenden Zwecke ausgegeben:

1 Miete 31050,00

2 Einrichtung für das Klassenzimmer 13132,00

3 Spielplatzgeräte 3535,00

4 Küchengeräte 1328,01

5 Lehrmittel 2983,49

6 Hygienebedarf 3421,00

7 Nahrungsmittel (inklusive Gas) 19212,21

8 Medizinische Behandlung (inklusive Transport) 4488,70

9 Administration 2049,00

10 Gehälter 28795,00

11 Transport für Kinder 7420,00

12 Kleidung 945,00

13 Ausflug 996,00

Gesamt 119355,41

Wie Sie selbst sehen können, sind unsere Ersparnisse trotz der eingelangten Spenden im Abnehmen begriffen. Wir müssen daher neulich um Ihre Unterstützung bitten; vielleicht können Sie die eine oder andere Geld- oder Sachspende für unser Projekt entbehren. Ich wünsche Ihnen jedenfalls aus dem fernen Äthiopien, in dem beide Feste nicht vor der Tür liegen, frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihre Isheba Tafari

Geschrieben von admin

29. Dezember 2009 um 12:18 nachmittags

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